Neue Mitte Campus TU Darmstadt

Kooperation: FH Kärnten und CEU San Pablo Universität Madrid

Architekturentwurf
6. Semester
Bachelorstudium Architektur
SS 2010

Eine „neue Mitte“ für den Campus der TU-Darmstadt ist das Thema des Entwurfsprojektes im Sommersemester 2010. Die Ausschreibung des gleichnamigen Architektur-Wettbewerbs dient den Studierenden des 6. Semesters Bachelor als Grundlage. Der Campus der TU-Darmstadt auf der Lichtwiese benötigt Verdichtung: Eine neue Mitte soll erkennbar werden. Der in den 60er und 70er Jahren entstandene Campus ordnet sich um eine große freie Fläche von ca. 365 mal 150 m. Die Mensa befindet sich als einziges Gebäude in diesem leeren Raum, während die restlichen Bauten rundherum platziert sind. Hier befinden sich die Institutsgebäude von Architektur, Bauingenieurwesen, Chemie, Maschinenbau und anderen Forschungsbereichen. Aber diese Bauten stehen sehr weit von einander entfernt und haben unterschiedliche Höhen und Formen, so dass in der Mitte keine Raumdefinition wahrgenommen werden kann. Darüber hinaus ist der Campus funktional gesehen nicht ganz vollständig, weil die Mensa es alleine nicht schafft, ein echtes Campusleben zu generieren. Die Wettbewerbsausschreibung schlägt vor, durch einen Neubau die Mitte neu zu definieren und zu beleben: eine Mitte des Lernens, des Lehrens und der Begegnung; ein Hörsaal- und Medienzentrum von 7.000 qm Nutzfläche soll das neue Herz des Ensembles werden. Zuerst sind wir mit der Entwicklung neuer städtebaulicher Konzepte beschäftigt. Die Gebäude-Platzierung, der Freiraum und verschiedene Verkehrskonzepte spielen dabei eine wichtige Rolle. Anschließend planen wir das Hörsaal- und Medienzentrum.

Der Ausschreibungstext bevorzugt ein einheitliches Gebäude, schließt aber nicht aus, das Raumprogramm in zwei unterschiedliche Baukörper zu teilen. Die Idee eines interdisziplinären Gebäudes steht im Vordergrund. Unterschiedliche Formen des Lehrens und Lernens sollen möglich sein; traditionelle Modelle ebenso wie E Teaching, E-Learning und die Nutzung von gedruckten und elektronischen Medien. Städtebaulich gesehen ist der heutige Campus eine typische Konzeption der Modernen Bewegung; große freie Flächen, in denen die einzelnen Gebäude als Solitäre gestalterische Freiheit genießen. Allerdings leidet der öffentliche Raum unter dem Mangel an Definition. Erscheinung. Parkhäuser und Parkplätze sind gleichwertige Hauptdarsteller neben grünen Flächen und Universitätsgebäuden. Und die Mitte, ein baulich so gut wie unantastbares Areal, in dem nur die Mensa sein darf, ist in viele kleine Flächen zerstückelt, die ohne Zusammenhang vor sich hin verwahrlosen. Kaum genutzte Beton- und Parkplatzflächen mischen sich mit begrünten Bereichen und bestimmen das Erscheinungsbild. Aber, was ist ein Campus? Was soll dort stattfinden? Ist es ein Park, ein Platz, ein ganz normales Stück Stadt? Oder etwas ganz anderes? Wir analysieren andere Universitäts Campus und stellen fest, dass sie immer Orte der Begegnung, der Erholung und der Kommunikation sind. Das Konzept des öffentlichen Raumes hat sich seit den Zeiten der Moderne gewaltig geändert, ebenso wie die Rolle des motorisierten Individualverkehrs (MIV) gegenüber dem öffentlichen Personennahverkehr. Man kann sagen, dass heute die Fußgänger und die Fahrradfahrer eine viel wichtigere Rolle in der Stadtplanung spielen als früher; Die Parkplatzflächen auf dem Campus sollen durch hochwertigere Freiflächen ersetzt werden. Es soll statt dessen Raum für alle erdenklichen anderen Nutzungen geboten werden. Natürlich gibt es immer sehr unterschiedliche Lösungen - aber wir wissen, dass sich der Umgang mit Freiräumen seit der Modernen Bewegung wesentlich verändert hat. Heute handeln wir eher wie Bildhauer, die durch die Platzierung von Baumasse Leerräume zu definieren versuchen. Diese neue Haltung in Berührung mit einem Campus der Moderne erzeugt große gestalterische Spannungen, die nur mit viel Sorgfalt und großem entwerferischen Können zu erfolgreichen Konzepten führen kann. Nicht weniger anspruchsvoll ist die Aufgabe, das Lern- und Medienzentrum selbst zu entwerfen. Das komplexe Raumprogramm von 7.000 qm Nutzfläche stellt eine echte Herausforderung dar. Vor allem handelt es sich hier um eine Gebäudetypologie, die ganz neu ist. Wir kennen Bibliotheken und Universitätsgebäude, aber hier geht es um etwas Neues. Zum ersten Mal in der Architekturgeschichte benötigen wir Räume, wo Studierende mit dem eigenen Computer lernen möchten, überall einen Internet-Anschluss benötigen und ebenso Bücher, Filme, Musik und andere Digitalmedien nutzen. Heute tragen wir unsere eigene digitale Welt immer mit uns herum und wollen Räume, wo wir sie entfalten können. Das Umsteigen von digital zu analog und umgekehrt sollte ein Kinderspiel sein - ebenso wie die parallele Nutzung aller Medienarten. Das traditionelle Konzept der Bibliothek als Kathedrale des Wissens in dem eine tote Stille herrscht ist nicht mehr zeitgemäß. Heute wird vom Raum eine große Flexibilität und Lebendigkeit gefordert. Gruppen- und Einzelarbeit sollen ermöglicht werden. Das Lernzentrum erfordert Räume von sehr unterschiedlichen Dimensionen, von großzügigen Arbeitslandschaften bis hin zu winzigen Arbeitskabinen. Wir hantieren mit sehr großen Flächen und müssen trotzdem den menschlichen Maßstab im Auge behalten. Großzügigkeit und Privatheit, Orte der Kommunikation aber auch der Zurückgezogenheit. Qualität wird erreicht, wenn alte und neue Medien ihren Platz finden, jedes Individuum seinen Ort zum Lernen hat und die unterschiedlichen Räume ein harmonisches Ganzes bilden. Das Hörsaalzentrum benötigt viele introvertierte Räume und stellt uns die Aufgabe einer geschickten Gestaltung der Erschließungsräume und der Orientierung. Einigen der hier gezeigten Projekte gelingt es mit einer einheitlichen Strategie Außen- und Innenräume zu definieren. Die richtige architektonische Sprache zu finden, gleichzeitig kontemporär und adäquat zum städtebaulichen Kontext, ist eine der großen Aufgaben in diesem Semester. Ich freue mich ganz besonders über die sehr unterschiedlichen Antworten und Haltungen der Ergebnisse. Der Leser wird seine eigenen Schlüsse ziehen.

Angela Lambea

Betreuung

Angela Lambea
Architektur

Andreas Voigt, Carlos Asensio, Diego Cano
Gastlektoren

Sonja HohengasserPeter Nigst
Architektur

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